Wissenswertes zur Markuskirche –

Himmelslicht im Nomadenzelt

Text von Robert Welzel



Im Rückgriff auf die geheimnisumwitterte, steinerne Symbolik mittelalterlicher Kirchenbauten schöpften die Architekten Wolfgang Müller-Zantop und Heinz Kahlenborn bei der Errichtung der Markuskirche 1961-62 aus dem reichen Fundus heilsgeschichtlicher Bedeutungszusammenhänge. Im Grundaufbau entspricht die Markuskirche der Dinslakener Friedenskirche, die kurz zuvor fertig gestellt wurde.


Die Markuskirche ist Teil eines um den weiten Kirchplatz gruppierten Gemeindezentrums. Der freistehende Glockenturm (Campanile) verweist auf italienische Vorbilder. Inmitten der Flachbauten erhebt sich dominierend das Kirchengebäude mit seinem kupferverkleideten Zeltdach. Die Portaltüren ermöglichen den barrierefreien Zugang zum Gotteshaus. Der Gottesdienstbesucher gelangt zunächst ins „Paradies“. Fröhlich-farbige „Glasklunker“ tauchen diesen Vorraum in gedämpftes Licht. Der Wechsel vom Alltag in den Festraum wird hier vollzogen.


Der eigentliche Kirchenraum ist baugeschichtlich als „Vierung“ aufzufassen, gleicht also jenem Bereich einer mittelalterlichen Kirche, in dem sich Lang- und Querhaus kreuzen. Tatsächlich ist der Raum mehr breit als lang und die Längsausrichtung der Kirche wird nur durch die mittige Brechung der Eingangs- und Chorwand angedeutet. Das „Vierungsgewölbe“ scheint mit der Leichtigkeit von Papier aufgefaltet, ist aber in Wahrheit eine gewagte, innen mit Holz und außen mit Kupfer verkleidete Betonkonstruktion, die nur an den Ecken aufliegt. Sie öffnet sich zeltartig in die vier Himmelsrichtungen, ein Hinweis auf das wandernde Gottesvolk: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir" (Hebr 13.14).

 

Unter Vermeidung runder Formen wird die Konstruktion ganz aus Drei- und Vierecken gebildet. Die Zahlensymbolik deutet das Zeltdach als Himmlisches Jerusalem (die Stadt mit den zwölf Toren), deren Licht in der Offenbarung des Johannes "gleich dem alleredelsten Stein, einem Jaspis, klar wie Kristall" beschrieben wird (Kp. 21,11). Während der Gottesdienstbesucher in der fensterlosen Sockelzone dem Irdischen verhaftet bleibt, ist die transparente lichte „Gewölbezone“ dem „Himmelslicht“ vorbehalten. An den neun Meter hohen Innenfenstern dominieren blaue und graue Gläser, kombiniert mit dezenten braunen, violetten und roten Farbanteilen, die als Sinnbild der Liebe Gottes das Weltgeschehen durchdringen.


Die ursprünglich geplante Anordnung der Sitzbänke wie in einem Atrium wurde zwar niemals realisiert, die Annäherung an die protestantische Idealvorstellung eines Zentralraumes ist aber dennoch spürbar. Während das Mobiliar im kaum erhöhten Chor aus dunklem Holz besteht und damit die Gemeinde (auf den Kirchenbänken in ähnlicher Farbe) an Wortverkündigung, Taufe und Abendmahl bindet, betont die beschriebene künstlerische Ausgestaltung durch Ursula Hirsch den sakralen Charakter des Gebäudes. Seit 1984 ergänzt eine Schuke-Orgel mit zwei Manualen, Pedal und neun Registern die Ausstattung.

Die Anfang der 1960er Jahre schier unerschöpflich scheinenden Möglichkeiten des Baustoffs Beton prägen die Markuskirche wie kein anderes Essen-Wester Gotteshaus. Dennoch gelingt es den Architekten, die moderne Material- und Formensprache mit einer in Jahrhunderten gewachsenen Kirchenbautradition harmonisch zu verschmelzen. Der Entwurf der Markuskirche widersetzt sich mit aller Deutlichkeit zeitgenössischen Konzepten, die ein Gemeindezentrum in erster Linie als Begegnungsstätte ohne ausdrücklich sakralen Charakter auffassen (vgl. z.B. das einige Jahre später am Holsterhauser Platz verwirklichte Melanchthon-Gemeindezentrum).

Fotos: Michael Bisanz