Die 3 Glocken der Apostelkirche

Das Glockengeschoss mit den Schallöffnungen im Turm der Apostelkirche ist fast ganz ausgefüllt mit den drei Glocken und dem eisernen Glockenstuhl. 1912 wurden sie vom „Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation“ in Stahl gegossen. Sie klingen  ein wenig blechern, was damals  beliebt war. 1913 wurden sie in den Turm installiert und die erste Läutung erfolgte am 10. Februar 1913. Die darunter liegende Ladeluke wurde verschlossen. Somit konnten die Glocken während der beiden Weltkriege nicht demontiert und eingeschmolzen werden.

 

Auf den seitlichen, kleineren Glocken stehen Bibelverse: „Jesus Christus, Gestern und Heute und derselbe in Ewigkeit“, Hebräer 12,3. „Oh Land, Land, Land, höre des Herrn Wort“, Jeremia 22,29.

Die kleinste Glocke wiegt 1.200 Kg, die Mittlere 1.560 Kg und die Größte 2.600 Kg.
Die Glocken haben die Internationale Stimmung : C  Des  Es

Hier hören Sie die Originalglocken.

 

Glocken in Geschichte und Gegenwart


Glocken sind faszinierende Musikinstrumente. China dürfen wir als Ursprungsland der Glocke vermuten. Allerdings gewinnt man den Eindruck, als sei sie nie erfunden oder entdeckt worden. Im fernen Asien war sie irgendwann vor nunmehr 4000 Jahren einfach da. Ihr Hohlraum war die Maßeinheit für Getreide, ihr Durchmesser gab das Maß der Länge vor. Sie war das tongebende Musikinstrument, war Signalgeber bei kultischen Handlungen. Eine gestimmte Glocke gab den Ton im gesamten Kaiserreich an, es sollte eine einheitliche "Stimmung" im Lande herrschen. Dem Orchester verhalf sie als "Stimmgabel" zum rechten Ton. Ihre Klänge galten als Bindeglied zwischen Himmel und Erde. Kaiser und Fürsten ließen sich vom Läuten der Glocke wecken. Sie schmückte als Glöckchen die Pagoden und rief im Tempel mit mächtiger Stimme buddhistische Mönche zum Gebet.
Den geistigen Ursprung der Europäischen Glocke finden wir in den Ländern der Bibel. So lesen wir im 2. Buch Mose an zwei fast gleichlautenden Stellen: "Und sie machten an seinem Saum Granatäpfel aus blauem und rotem Purpur, Scharlach und gezwirnter feiner Leinwand und machten Glöckchen aus feinem Gold; die taten sie zwischen die Granatäpfel ringsherum am Saum des Obergewandes, je ein Granatapfel und ein Glöckchen ringsherum am Saum, für den Dienst, wie der HERR es Mose geboten hatte." An anderer Stelle im gleichen Buch ist zu lesen: "Und Aaron soll ihn anhaben, wenn er dient, daß man seinen Klang höre, wenn er hineingeht ins Heiligtum vor dem HERRN und wieder herauskommt. So wird er nicht sterben." 
   Nach der Geburt Jesu lesen wir zuerst beim Apostel Paulus von Glöckchen: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz, eine klingende Schelle (Glöckchen)." Diese Zeilen von Paulus könnten heute geschrieben sein. Eine Glocke ohne Liebe und Wärme in ihrer Stimme, ohne christliche Botschaft in ihrem Ruf, verkommt zu tönendem, oft genug zu dröhnendem Erz.
Welche Bedeutung die Glocke für Europa erlangte, zeigt ihre sehr unterschiedliche und äußerst vielfältige Verwendung. Man läutete jeweils zu kirchlichen und weltlichen Anlässen die Bet-, Angelus-, Friedens-, Vaterunser-, Tauf-, Toten-, Kreuz-, Evangelien-, Wandlungs-, Festtags-, Wetter-, Irr-, Pest-, Zins-, Rats-, Stadt-, Stadttor-, Uhren-, Richt-, Mord-, Revolutions- und viele weitere Glocken mit dem Namen des jeweiligen Anlasses. Zum Läuten für Gottesdienst und Gebet, aber auch zum Ordnen des städtischen Lebens bestimmt ließ sie, zur Kanone umgegossen und missbraucht, ihre todbringende Stimme auf den Schlachtfeldern Europas "erklingen".

Die Zeiten, in denen Glocken verstummten, gleich in welcher Region der Welt, gleich in welchem Jahrhundert, waren immer auch schlechte Zeiten für die Menschen. Diktatoren und Revolutionäre brachten nicht nur die Glocke zum Verstummen. Das letzte und gravierendste Beispiel dafür liegt uns sehr nahe und hat unsere Gesellschaft nachhaltig verändert.
Sechzig Jahre war im östlichen Teil Deutschlands und in weiten Teilen Osteuropas der Atheismus "Die Staatsreligion". Und jeder dieser Staaten hatte das ausdrückliche Ziel: Die Vernichtung der christlichen Religion. Gleichzeitig wurde die Stimme der Glocke hörbar leiser, mancherorts war sie gänzlich verstummt, mit ihr die Menschen.
Und von den Nazis war der Mord an Juden, Sintis und Romas auch nur als Probelauf für diejenigen gedacht, denen man zunächst nur die Glocken -angeblich zu Kriegszwecken - wegnahm. Der wahre Grund für die Enteignung der Glocken war aber ein ganz anderer.
Nach dem "Endsieg" sollten nach dem ausdrücklichen Willen der Nazis nur noch 12 Glocken in Deutschland läuten: Über dem Reichstag in Berlin. Und auch bei uns ging das Schweigen der Glocken mit dem Stummwerden der Menschen und dem Dröhnen der Kanonen Hand in Hand.
Die Geschichte aber lehrt seit 4000 Jahren und dies ohne jede Ausnahme: Schweigen Glocken, sind Leben, Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit unmittelbar bedroht.


Werner Bergenguen

Im Glockengeläut berührt sich die Zeit immer wieder mit ihrem Gegenpol, der Nichtzeit, und das ist die Ewigkeit.

Dietrich Bonhoeffer

aus seinem Tagebuch im KZ-Flossenbürg: "Auf dem Weg zur Freiheit":

Zwölf kalte, dünne Schläge der Turmuhr wecken mich.
Kein Klang, keine Wärme von ihnen bergen und decken mich.
Bellende, böse Hunde um Mitternacht schrecken mich.
Armselige Geläute trennt ein armes Gestern vom armen Heute.
 
Ob ein Tag sich zum anderen wende,
der nichts Neues, nicht Besseres fände,
als daß er in Kurzem, wie dieser ende ...
Was kann mir´s bedeuten?
 
Ich will die Wende der Zeiten sehen,
wenn leuchtende Zeichen am Nachthimmel stehen,
neue Glocken über die Völker gehen
und läuten und läuten und läuten ...  

 

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